Kolumne Monika Zalewski hört: Claudio Abbados letztes Konzert mit dem Luzern Festival Orchester …

Monika Zalewski

Oder: Vermächtnisse

Streng genommen ist jedes Musikstück ein Vermächtnis. Ein mehr oder weniger großartiges Riesengeschenk an die Nachwelt. Doch nur auf dem Papier, als Partitur, wie es überliefert ist, nützt es Wenigen. Es bedarf Vermittlern, Interpreten. Einer der ganz Großen der Dirigentenzunft war Claudio Abbado, gestorben im Januar 2014. Das Radio sendete in memoriam dieses denkwürdige Konzert.

Ein Konzert der „letzten Hand“ sozusagen, Abbados interpretatorisches Vermächtnis an die Nachwelt. Und dirigiert zwei „unvollendete“ Werke vollendet, Schuberts Sinfonie Nr. 7, genannt „Die Unvollendete“, und Bruckners neunte Sinfonie, über deren Arbeit der Komponist starb. Sie endet mit dem langsamen Satz, genauso wie Schuberts ‚Unvollendete‘. Schubert allerdings konnte 1822, als er diese schuf, noch nicht an seinen Tod 1828 glauben, dafür war er noch viel zu jung, erst 25 Jahre alt. Er verschenkte mit vollen Händen seine genialen Werke, schuf Hunderte von Liedern in nur einem Jahr, fast alles Meisterwerke, Kammermusik, Messen, acht Sinfonien, Opern…Die ‚Unvollendete‘ ist die Siebente, also nicht seine letzte Symphonie. Ihre beiden Sätze sind langsam, der Zweite sogar noch mehr als der Erste, jedenfalls kannte ich es nur so. Bei Abbado nicht. Da gleichen sich beide im Tempo an, doch was passiert in ihnen nicht alles, was macht Abbado hörbar, was mir zuvor immer entgangen war! Diese Sätze sind einerseits von Schubert von einer derart umwerfenden Neuheit und Vollkommenheit geprägt, zeigen eine derart verinnerlichte Welt, dass Schubert an der äußeren Vervollkommnung „scheiterte“: undenkbar, hier noch ein Scherzo folgen zu lassen, dieses würde so unter dem Niveau der beiden vorangegangenen Sätze stehen, sie geradezu negieren. Eines hat er begonnen, es aber nicht weitergeführt. Und von Skizzen zu einem Finale fehlt jede Spur! Schubert muss es gewusst haben, davon bin ich überzeugt. Dass es hier nichts zu vollenden gab!

Hören auf Youtube

Also: Die sogenannte ‚Unvollendete‘ ist vollkommen in ihrer reinsten Form. Schuberts grandioses Vermächtnis an uns. Gleiches gilt für Bruckners „Neunte“, keinem Geringeren gewidmet als dem „Lieben Gott“, tiefgläubiger Mensch, der er war. Der letzte, langsame Satz verströmt sich in einem langen, nicht endenwollendem Gesang. Leise verabschiedet sich Bruckner, leise Schubert, der nach dieser Symphonie noch viele Werke schuf. Ich gehe davon aus, dass der Dirigent Claudio Abbado gewusst hat, dass dieses Konzert eines seiner letzten werden würde, das legte ihm seine Krebserkrankung nahe. Er verabschiedet sich mit Sicherheit mit Bedacht mit diesen zwei unvollendeten Werken, und auf welche Weise! Mir war, als würde jetzt, beim Hören, die Musik erst geschaffen, und obwohl ich schon so viele Male diese beiden großartigen Werke gehört habe, schienen sie mir wie neu zu sein. Ich hörte Dinge, die ich zuvor noch nie gehört hatte, Instrumente, Bögen, ja, sogar die betont langsamen Tempi, die die Verinnerlichtheit der Musik noch verstärkten. Abbados Vermächtnis mit den Vermächtnissen zweier großer Komponisten, mit zwei „unvollendet“ vollkommenen Werken in vollkommener Interpretation mit seinem handverlesenen „Orchester der Freunde“, dem Luzern Festival Orchestra.

© Monika Zalewski