Macht Geist alleine glücklich?

Wie leicht ließe es sich doch leben, ganz ohne unseren Körper – nur mit dem Geist allein. Ohne Gebrechen und Schmerzen. Kein Kilogramm mehr, das ins Gewicht fallen würde. Denkt man darüber nach, könnte man es gerne mal abstreifen, das lästige Fleisch. Es in die Ecken werfen, wie verfaulte Schnitzel. Nicht einmal Tränen ließen sich hinter ihm her weinen. Kein Neid mehr auf Äußerlichkeiten. Kein zu groß, zu klein, zu fett, zu mager, zu irgendetwas.
Dann stünden wir da, mit unserem schamlos nackten Geist. Wühlten federleicht und ungestört in der Wolle unseres Innersten herum. Und fänden sicher Einiges darin, was wir nicht vermutet hätten.Doch so ein frei fliegender Geist ist ja so bodenlos. Nichts, was ihn trägt. Nichts, was ihn fängt. Allein mit sich könnten die Gedanken zerfransen. Die Synopsen verknoten. Der Geist komplett verwirren. Nach neuem Futter wird er sich sehnen. Möchten wir spüren, wie unsere Gedanken im Dunkeln um ihr Leben kämpfen, weil sie so hungrig sind? Irgendwo, im Kopfgespinst, könnten sie qualvoll verenden und mit ihnen vielleicht unser ICH.

Selbst, wenn wir irgendwie Kontakt zu anderen Hirnen pflegten. Die Eitelkeit des Fleisches – sie hätte sich längst auf unseren Geist übertragen und ihn verseucht. Wir hielten einander zwar nicht für zu fett. Jedoch noch immer für zu dumm, zu eingebildet, zu eigen, zu verwirrt …
Vielleicht will ich auch nicht auf das Sehen verzichten. Das Lästern der Spötter hören. Die Gefahr lieber riechen und von der Verlockung naschen.
Wenn ich es recht bedenke, wäre es wohl nicht so schön, nur mit dem Geist allein zu leben. Ab und zu werfe ich ihm frisches Futter hin, damit er nicht verhungert und die paar Gebrechen, die paar Falten und auch mal etwas mehr, müssen wir dann wohl in Kauf nehmen.
In diesem Sinne:  aus der Kategorie „Schwere Kost“

An manchen Tagen

könnte ich auf den Körper gut verzichten

Da würde der Geist mir völlig reichen

Dann lege ich es ab, das lästige Fleisch

Habe genügend Wolle im Kopf

damit ich mir was zusammenspinnen kann

um mir was Schönes daraus zu stricken

in dem ich mich ausruhe dann

Muss nur aufpassen

dass ich mich nicht verirr

die Fäden sich nicht verknoten

die Gedanken zerfransen

ich mich verlier

Manchmal muss ich ihn eben doch wieder neu füttern

den hungrigen Geist

Da käme mir mein Körper wieder sehr gelegen

Heike Vullriede (Copyright)