Matthias Engels – mit jedem Buch etwas Neues ausprobieren

Matthias Engels ist ein Autor aus Steinfurt. Er veröffentlicht Lyrik und Romane. Seine jüngste Veröffentlichung ist der Münsterlandkrimi Sentimentale Eichen, erschienen im Juli 2012 im Schardt-Verlag. Für LitBorken gab er ein Interview:

LitBorken: In deiner Vita steht, dass du Sortimentsbuchhändler bist. Ist der Schritt vom Buchhändler zum „Schreiber“ tatsächlich nicht weit?

Matthias Engels: Das ist tatsächlich etwas zweischneidig. Ich befinde mich da ja in guter Gesellschaft: Herrmann Hesse, Heinrich Böll, Wolfgang Borchert u.a. haben ja ebenfalls erst diesen Beruf erlernt. Ich denke, es ist das Naheliegendste, wenn man “Irgendwas mit Literatur” machen will. Der Buchhändler ist in 90% der Fälle ein LESER, kein Kaufmann. Und der Autor ist in ganz vielen Fällen eben auch erstmal ein LESER, das verbindet beide. Andererseits wird Buchhändlerprosa-ebenso wie “Germanistenprosa” oft auch negativ gesehen, als zu blutleer und mit zu viel fremden Ballast aus den Lesefrüchten angesehen. Gerade, WEIL es so naheliegend ist, dass einer, der sich beruflich mit Büchern beschäftigt, anfängt zu schreiben.

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Quelle Foto: Matthias Engels

LitBorken: Weiter steht dort: Betreuung kultureller Projekte, Herausgeberschaft, Referent für Literatur. Was müssen wir uns darunter vorstellen? Und: Lebst du inzwischen von deiner literarischen Ader?

Matthias Engels: Ich tue in gewissem Sinne nichts anderes, als mich mit Literatur zu befassen. Beruflich verkaufe ich Bücher; als Kursleiter in der Erwachsenenbildung leite ich Lesekreise und halte Vorträge über Literatur und ab und an konzipiere ich Anthologien oder Veranstaltungen rund um literarische Themen. Manche Leute denken, ich könne wohl aus Zeitgründen nie ins Kino gehen oder mit den Kindern ins Schwimmbad, weil ich immer nur lesen muss. Ganz so ist es natürlich nicht, aber meine gesamte Beschäftigung kreist schon sehr stark um literatrische Dinge. Leben kann ich davon in der Kombination. Eine einzelne dieser Betätigungen würde nicht ausreichen, aber alles im Ganzen ist okay.

LitBorken: Dein erster Roman erschien als BoD-Veröffentlichung, dein letzter beim Schardt-Verlag. Wie waren deine Erfahrungen mit etablierten fairen Verlagen, wenn du ihnen deine Manuskripte angeboten hattest?

Matthias Engels: Mein Buch bei BOd war ein Lyrikbändchen und der allererster Anlauf, meine Texte gedruckt zu präsentieren. Ich dachte dabei -gerade, da es es sich um Lyrik handelte-gar nicht an einen Verlag. Direkt danach erschienen meine Bücher in einem regionalen Kleinverlag, was naheliegend war, da es sich um regionale Themen handelte, wie etwa bei meinem kleinen Roman: Mann im Schatten, über einen realen Aufenthalt Thomas Manns in Münster 1911. Mein zweiter Lyrikband wurde dann von einem sehr feinen unabhängigen Literaturverlag gemacht, worauf ich sehr stolz bin. Auch beim Schardt-Verlag habe ich einen ganz regulären Verlagsvertrag.

Mit „un“-fairen Verlagen habe ich also gar keine Erfahrung. Wobei ich diese Unterscheidung als Insider auch etwas differenzieren möchte: Es gibt natürlich Unternehmen, die ich gar nicht als VERLAG bezeichnen würde -eher als Druckdienstleister. Aber ich kenne Beispiele von selbstverlegten und selbstfinanzierten Büchern, die sonst nie erschienen wären und um die es schade gewesen wäre.

Das liegt natürlich daran, dass es beinahe unmöglich ist, bei den Publikumsverlagen der größeren Sorte unterzukommen, da diese fast ausschließlich über (oft internationale) Agenturen arbeiten oder aus ihrem eigenen festen Autorenpool schöpfen. Die Nische für den autodidaktischen jungen Autor ist da, aber sie ist klein, sehr klein! Wenn ein Autor die Wahl dazwischen hat (und die HAT er ja!), mit finanzieller Beteiligung gedruckt zu werden oder gar nicht gedruckt zu werden, kann man ihm m.E. nicht vorwerfen, wenn er sich für diese erste Variante entscheidet.

Mein Weg war bisher der, für jeden Titel einen geeigneten Verlag zu finden. Für die Regionalia einen regionalen, für den Regio-Krimi einen Regio-Krimi-Spezialverlag und für das Feingeistige einen ambitionierten Literaturverlag…Ich fahre bislang ganz gut damit.

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Quelle Foto: Matthias Engels

LitBorken: Kannst du deine Veröffentlichungen einem bestimmten Genre zuordnen?

Matthias Engels: Eben nicht. Mein Anspruch  war von Anfang an, mit jedem Buch etwas Neues auszuprobieren. Genretechnisch hieß das: erst ein Familienroman, dann etwas Historisches, dann Lyrik, dann einen Krimi …, wobei sich das auch immer ein wenig so ergab. Aber festlegen lasse ich mich nciht. Ich erweitere sozusagen mit jedem Buch meine literarische Werkzeugkiste und hoffe, dass mir das irgendwann zugute kommt.

LitBorken: „Sentimentale Eichen„, erschienen im Juli 2012, ist ein Münsterlandkrimi. Warum gerade ein Münsterlandkrimi?

Matthias Engels: Bei allen Lesungen und Interviews zu den Büchern, die zuvor erschienen, kam irgendwann die Frage: „Schreiben Sie denn auch mal einen Krimi?“ Ich habe das immer verneint, weil der Krimi als Genre so unheimlich festgelegt ist. So viel ist vorgegeben: Man braucht ein Verbrechen, einen Ermittler, einen Spannungsbogen…gewisse Elemente, ohne die es einfach nicht geht. Außerdem hatte ich das Problem, dass mich bei Krimis das Verbrechen meist überhaupt nicht interessiert. Ich kann an Agatha Christies Witz oder an George Simenons Beschreibungen einen Riesenspaß haben, aber ich vergesse immer, wer jetzt letztlich wen ermordet hat und wieso.

Als ich mich dann hinsetzte, um es mit dem Krimi spaßeshalber mal zu probieren, war mir klar: Wenn ich mich diesem Genre nähern kann, dann nur satirisch. Und da ich als Rheinländer in Westfalen lebe und anfangs so diverse kleine Kulturschocks erlebt hatte, kam mir die Idee, es so anzugehen. Noch dazu hatte in meiner Heimatstadt gerade das Bauhaus-Museum eröffnet, das im Ort auf manchen Argwohn gestoßen war. Ich hielt das sozusagen für einen Elfmeter…

LitBorken: Mach uns neugierig: Was erwartet uns in „Sentimentale Eichen“?

Matthias Engels: Ein rheinischer Polizist mit einem westfälischen Urgestein als Partner ermitteln einen Kunstraub in eben diesem Museum. Sentimentale Eichen – übrigens ein Heine-Zitat über die Westfalen – ist eine Hommage an den klassischen Krimi, kein Thriller. Mit der Zeit wächst die Zahl der Verdächtigen, die Motiv und Gelegenheit gehabt hätten, das Bild des fiktiven Künstlers Max Maybach aus dem Bauhaus-Museum zu stehen, an und die Ermittler van de Loo und Strothkamp klären dies in einem Showdown, bei dem alle Verdächtigen anwesend sind … Klassisches Strickmuster. Darüber hinaus gibt es den Kontrast in den Mentalitäten der zwei Kommissare, eine Menge Frotzeleien und Kleinstadtszenarien der heiteren Art. Mir war das Lokalkolorit Münsters und Steinfurts wichtig und laut Publikum kann man sich mit dem Ding in der Hand gut in den beiden Städten zurechtfinden. Ein Gast einer meiner Lesungen hat den Weg zum Museum tatsächlich nur aus dem Buch herausgefunden. Es ist also eher ein witziger, leichter Krimi und bei meinen Veranstaltungen gab es eine Menge Lacher. Schlaflos geblieben ist hinterher wohl eher keiner, obwohl der Showdown im Bagno in Steinfurt immer mucksmäuschenstill aufgenommen wurde. Am Ende steckt in diesem Krimi sogar eine ganz kleine Liebesgeschichte.

LitBorken: Was können wir in nächster Zeit von dir erwarten? Gibt es einen neuen Roman? Eine Anthologie? Arbeitest du an kulrurellen Projekten?

Matthias Engels: Es gibt immer mehrere Dinge, an denen ich arbeite oder die mich beschäftigen. Ganz aktuell habe ich einen großen Roman abgeschlossen, der gerade bei verschiedenen Verlagen liegt. Es geht um zwei sehr unterschiedliche reale Figuren der Literaturgeschichte, die einige Erfahrungen in ihren Biografien teilen, worüber bisher noch nicht geschrieben worden ist. Es wird ein Text, der sozusagen ein Panorama der Moderne darstellt und sich mit der Frage nach literarischem Ruhm und dessen Vergänglichkeit beschäftigt. Anderthalb Jahre Recherche stecken darin und jede Menge Originaldokumente, die z.T. noch nie in Deutsch vorlagen.

Dann mache ich gerade einen kleinen, von einem befreundeten Künstler illustrierten Lyrikband fertig und spinne an einem Text herum, den ich vor einiger Zeit erstmal zur Seite legen musste.

Außerdem bin  ich dabei, einen Veranstaltung auf die Beine zu stellen, bei der verschiedene Kollegen aus der Region ihre Werke im Rahmen eines Literaturtages vorstellen sollen. Ein buntes Publikum mit ganz unterschiedlichen Autoren – dazu ein wenig Musik, Kaffee und Kuchen. Ich habe einen Veranstalter und eine Lokalität; das Programm steht auch; jetzt geht es nur noch um die Finanzierung. Zu tun habe ich also genug.

LitBorken: Da du nicht im Kreis Borken wohnst, stelle ich dir die LitBorken-Frage ein wenig abgewandelt: Was würdest du dir im Münsterland in Sachen Literatur noch wünschen?

Matthias Engels: Für uns Autoren aus dem Kreis Steinfurt ist es einfach so, dass Veranstalter sehr dünn gesät sind. Gar nicht mal so wenige Autoren konkurrieren um die spärlichen Auftrittsmöglichkeiten. Und die regionale Literatur wird oft zugunsten überregionaler vernachlässigt. Lieber holt man einen teureren Autor aus Köln oder anderswo, da er ein volles Haus garantiert, anstatt einheimischen Schreibern eine Chance zu geben. Münster liegt als nahe Großstadt recht isoliert da und vertritt oft so ein wenig die Haltung: „Was aus der Provinz kommt, kann nix sein“. Dort eine Lesung zu bekommen, ist schon schwierig. Ich würde es auch begrüßen, wenn sich die Aktivitäten des Literaturbüros in Unna etwas weniger auf Ostwestfalen und Münster konzentrieren würden, sondern stattdessen auch mal etwas in den anderen Regionen fördern würden.

Klappentext:Sentimentale Eichen
Münster im Hochsommer. Kriminalkommissar und Exil-Kölner Gisbert van de Loo ist noch nicht richtig warmgeworden mit der Domstadt, jedenfalls hat er seine Probleme mit der westfälischen Mentalität. Als er zusammen mit seinem behäbigen, wortkargen Kollegen Strothkamp einen Kunstraub aufklären soll, bricht er nicht gerade in Begeisterungsstürme aus. Das Bauhaus-Museum ist erst vor einem Jahr in der kleinen Stadt Steinfurt-Borghorst eröffnet worden, und nach dem Verschwinden eines Gemäldes bangt man um den guten Ruf. Der Vorsitzende der Stiftung ist um Diskretion bemüht, denn am Tatort sind keinerlei Einbruchsspuren zu finden, und ein Täter aus dem Umfeld des Museums läge nahe. Ihr Halbwissen in Sachen Kunst machen die Kommissare mit kriminalistischem Scharfsinn und einer guten Portion Menschenkenntnis wett. Am Ende des Sommers können sie nicht nur eine unerwartete Lösung des Falls präsentieren, sondern müssen zudem feststellen, dass es nicht so wichtig ist, aus welcher Gegend man in Nordrhein-Westfalen kommt, sondern dass man sich im richtigen Moment aufeinander verlassen kann.
 
  • Broschiert: 158 Seiten
  • Verlag: Schardt; Auflage: 1., Aufl. (1. Juli 2012)
  • ISBN-13: 978-3898416504

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