Zehn Sätze: Mutter

Wahrscheinlich weiß der Körper im ersten Moment des Aufwachens, dass es gnädiger wäre, weiterzuschlafen. Aber der Geist braucht eine Sekunde länger, um es zu begreifen, und danach ist es zu spät. Nur einen winzigen Augenblick lang ist das Bewusstsein wie eine leere Schiefertafel, die dann aber sofort und gnadenlos beschrieben wird, manchmal mit sanftem Kreidestrich und manchmal grob und misstönend, so dass man sich innerlich die Ohren zuhalten möchte.
„Tot“ schreibt die kreischende Kreide, „deine Mutter ist gestorben“.
Und nur einen Sekundenbruchteil später weiß ich alles wieder.

Frisch gewaschen liegt sie im neu bezogenen Krankenbett, makellos gebügelt die Bettwäsche, die in allen Krankenhäusern nun weiß-gelb gestreift zu sein scheint. Ihr Atem geht ruhig, viel ruhiger als die Tage zuvor, als er schwer war und ringend nach Sauerstoff. Sie schläft ganz tief und fest und hört mich nicht, als ich sie anspreche und berühre. Eine Weile lausche ich den Atemzügen, erleichtert darüber, dass sie gleichmäßig sind und entspannt wirken. Das war gestern … aus „Mutter“ (Arbeitstitel) von Brigitte Wiechmann